Immer öfter verletzen sich Jugendliche selbst – zerschneiden ihre Arme mit Rasierklingen, drücken Zigaretten auf ihrer Haut aus oder brechen sich selber die Kochen. Auch in Bezirk Spittal gibt es viele Betroffene.

Der SPITTALER bat Mag. Elke Leitner, Klinische Gesundheits-und Arbeitspsychologin zum Interview, um zu verstehen, warum sich junge Menschen selbst verletzen. Außerdem erzählt uns eine ehemalige Betroffene aus Spittal, wir nennen sie Anna O., ihre Geschichte.

Sich selber spüren
„Selbstverletzendes Verhalten wird auch autoaggressives Verhalten genannt – ist jedoch keine Diagnose, sondern vielmehr ein Symptom. Einerseits können biologische Faktoren, wie Impulsivität, Störungen der Neurotransmitter oder Basalganglien, ursächlich sein. Zum anderen sind soziale Faktoren, wie Traumatisierungen, ausschlaggebend. Diese führen zur unvollkommenen Entwicklung emotionaler Kompetenzen und können dann in der Jugend, unter Mitberücksichtigung der hormonellen Veränderung, zu Dissoziation, dem Gefühl „nicht man selbst“ zu sein, führen“, erklärt Mag. Elke Leitner. Nicht selten wird selbstverletzendes Verhalten aber auch von anderen Jugendlichen nachgeahmt. In Österreich ist 1% der Bevölkerung von diesem selbstzerstörerischen Verhalten betroffen, davon mehr Frauen als Männer. Zwischen dem 11. und 16. Lebensjahr verletzen sind ca. 35%. Bei den 16 – 18-Jährigen sich es ca. 29%.

Wenn die Seele schreit
„In mir entstand ein starker innerer Druck verbunden mit einem extremen Leeregefühl. Ich empfand meinen Körper als fremd. Wenn ich dann endlich das Blut fließen sah, setzte Entspannung ein und ich konnte mich wieder als „Ganzes“ wahrnehmen“, erinnert sich Anna O., die heute wieder gesund ist. Während ihrer Sitzungen bei Mag. Elke Leitner durfte die Spittalerin in einem geschützten Raum erzählen, welche Narben sie nicht nur auf ihren Armen und Beinen trägt, sondern auch auf ihrer Seele: Eine alkoholabhängige Mutter sowie sexuellen Missbrauch in der Familie trieben das Mädchen dazu, sich selber so zu quälen.

Was kann man tun
„Wenn Eltern bemerken, dass sich ihr Kind selbst verletzt, sollten diese behutsam darauf reagieren. Eltern wie auch Betroffene können sich auch an Experten wenden. Vermieden werden sollten auf jeden Fall allzu lange Gespräche mit den Betroffenen wie auch die Symptomatik zum Gegenstand der Diskussion zu machen. Contraproduktiv sind ebenso Vorwürfe, Drohungen, Beschuldigungen und Verhaltenskontrollen“, so die Therapeutin. Hilfe finden Sie bei folgenden Beratungsstellen: Alle niedergelassenen PsychologInnen und PsychotherapeutInnen, alle niedergelassenen (Fach)-.rzte (v.a. auch für Kinder- und Jugendpsychiatrie), Frauenberatung, AVS, Caritas, Promente, Hilfswerk, Schulpsychologie, Kriseninterventionsteam und Jugendamt, welches übrigens zu Unrecht als „Kinderwegnehmer“ betitelt wird.

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