Rund 370.000 Österreicher gelten als alkoholkrank. Diese Sucht hat aber nicht nur Einfluss auf den Betroffen selbst, sondern auch auf die Menschen, die dem Abhängigen nahestehen. Meist sind sie es, die mehr Leid ertragen müssen als der Alkoholabhängige selbst.

Gerade die nächsten Vertrauten des Betroffenen benötigen Hilfe und einen Rettungsanker, damit sie daran nicht selbst zerbrechen. Der SPITTALER bat den ärztlichen Leiter der Alkoholambulanz de La Tour Spittal/Drau, Univ.-Prof. Dr. Herwig Scholz zum Interview, um aus erster Hand zu erfahren, was man tun kann, um sich selbst und dem Alkoholkranken zu helfen.

Entwicklungsphasen
Zuerst ist es wichtig zu verstehen, dass eine Alkoholsucht keine Sache des freien Willens ist und dass sie sich langsam entwickelt. Meistens beginnt dieser schleichende Prozess in der Jungendzeit, denn der Genuss von Alkohol gehört zu unserer Gesellschaft. So ist ein Feierabendbier das Normalste der Welt. Irgendwann wird das Trinken zur Gewohnheit und der bisher zwanglose Alkoholkonsum geht in Missbrauch über. In dieser Phase bemerkt auch das Umfeld langsam, dass etwas nicht stimmt, aber aus Angst und Scham wird geschwiegen. In der nächsten Phase drehen sich die Gedanken des Betroffenen fortlaufend um Alkohol und er beginnt heimlich zu trinken, zu lügen und sich Strategien zu überlegen, um seine Sucht zu verschleiern. „Oft werden Alkoholvorräte angelegt und versteckt. Jeder Versuch, ihn mit seinem Problem zu konfrontieren, scheitert, denn längst hat der Alkoholkranke Verdrängungsmechanismen aufgebaut. Manchmal kommt es vor, dass der Betroffene sein Alkoholproblem erkennt und verspricht, abstinent zu bleiben, was aber nicht gelingt, denn das Belohnungszentrum im Hirn ist bereits umprogrammiert“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Herwig Scholz. Mittlerweile hat sein Handeln auch körperliche Konsequenzen, wie Schweißausbrüche, sexuelle Störungen und Epilepsie. Am Ende werden Alkoholika in jeglicher Form getrunken und organische Störungen nehmen zu. Diese Phase geht auch mit einem rasanten sozialen Abstieg einher: Führerscheinentzug, Arbeitsplatzverlust und Konflikte“, weiß der Experte.

Co-Abhängigkeit
Die Belastung seitens der Angehörigen ist enorm groß. Die Sorge um die Gesundheit des Partners oder Elternteils, die ständige Überforderung und Vereinsamung sind sehr belastend. Viele Angehörige schämen sich für die Lebenssituation, geben sich auch oft selbst die Schuld für den Alkoholmissbrauch des Partners oder Elternteils. Gerade Frauen bemühen sich Jahrzehnte, den Schein zu wahren und den Partner zu decken. So entwickelt sich ein Leben, das völlig von der Abhängigkeit des Partners gesteuert wird. Man spricht von Co-Abhängigkeit. Damit einher gehen körperliche Symptome wie Nervosität und Schlaflosigkeit, Magenerkrankungen, Migräne, Depressionen bis hin zur eigenen Alkoholabhängigkeit. Besonders Kinder eines alkoholkranken Elternteils triff die Sucht hart. „Kinder von einem alkoholkranken Elternteil haben schwierigere Startchancen im Leben. Ihr Risiko, später selbst alkoholkrank zu werden, ist dreimal höher als bei anderen Kindern“, weiß Univ.-Prof. Dr. Herwig Scholz. Angehörige verzweifeln oft an ihrer eigenen Hilflosigkeit, haben sie doch schon alles versucht. Sei es mit ruhigen Gesprächen, mit Liebe mit Sanktionen oder aber mit Drohungen. „Liebe, so schön sie auch sein mag, reicht nicht aus, um den Alkoholkranken von seinem Problem zu überzeugen. Grundsätzlich gibt es einige Strategien, die Angehörige einsetzen können, um dem Kranken die Augen zu öffnen. Da sich jedoch die Geschichten unterscheiden, kann kein allgemein gültiges Patenrezept erstellt werden“, erklärt der ärztliche Leiter der Alkoholambulanz.

Was können Angehörige tun?
Der erste Schritt für Angehörige ist, die Heimlichkeit zu überwinden und Kontakt zu einer Beratungseinrichtung, wie der Alkoholambulanz de La Tour Spittal/Drau unter der Tel.Nr.: 04762 366720 aufzunehmen. Mit Hilfe der Experten werden Strategien entwickelt, damit es Ihnen endlich gelingt, den Erkrankten von seinem Problem zu überzeugen. Im nächsten Schritt unterstützen die Experten den Alkoholabhängigen sowie dessen Familien in Einzeloder Gruppengesprächen auf dem Weg aus der Sucht. Das Sprechen über die eigenen Sorgen hilft auch dann, wenn die Abhängigen selbst (noch) nicht zu Hilfe und Veränderung bereit sind. Sich zu informieren, Offenheit zu schaffen und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen, führt aus der Co-Abhängigkeit und hilft häufig indirekt auch den Abhängigen selbst.

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