Die Zahl der Abhängigen nimmt zu, nicht zuletzt durch das Bestellen von Substanzen aus dem Internet. Die Psychiatrie des LKH Villach hat nicht die nötige Kapazität für akute Fälle.

Es ist ein Hinterhof der Jakob-Ghon-Allee, in welchem sich das Roots Ambulatorium für Drogenkranke befindet – der Arbeitsplatz von Leiter Gerald Kattnig, den wir in seinem Büro zum Interview treffen. Gleich zu Beginn stellt sich die Frage – nimmt die Zahl der Drogenkranken in Villach zu? „Zahlen zu nennen, ist immer schwierig. Die vergangenen Jahre sind aber von einem Anstieg geprägt, nach dem Aufnahmestopp in Klagenfurt kamen viele zu uns. Im März öffnet die Ambulanz in Klagenfurt, dann bessert sich die Situation“, erklärt Kattnig. Ein großer Teil des Roots-Klientel kommt per Zuweisung – Therapie statt Strafe. Dazu kommen jene, die regelmäßig Drogen konsumieren und eine Substitutionsbehandlung (Ersatzdrogen auf Rezept) brauchen. Ein Ziel dabei: Stabilisierung im Alltag. Dann werden persönliche Strukturen geklärt. Kattnig: „Es hilft nichts, einfach die Drogen zu entziehen. Diese waren ein Versuch der Person, bestimmte Dinge zu bekämpfen. Ein wesentlicher Faktor für den erfolgreichen Entzug ist das Wollen der Person.“ Der Entzug wird in der Regel ambulant mit psychotherapeutischer Begleitung versucht. Als Alternative gibt es die stationäre Behandlung.

Drogen aus dem Internet. Das Konsumverhalten hat sich verändert. „Früher gab es Cannabis oder Heroin, alles andere war selten. Heute ist der Mischkonsum ein Problem sowie neue, schwer einschätzbare Substanzen aus dem Internet. Manche Klienten hatten nie klassische Dealer-Kontakte. Es wird leichter, an die Drogen zu kommen, dadurch steigt der Konsum“, erzählt Kattnig. Die Mehrzahl der Konsumenten ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Allerdings geht der „Trend“ auch zum sehr frühen Einstieg – 14 Jahre und jünger. Je früher, desto schlechter für die intellektuelle Entwicklung. Ein Problem ist hier vor allem das Rauchen von Cannabis. Kattnig: „Wenn durch zu viel Konsum die Leute intellektuell hängen bleiben, ist das beruflich und sozial ein deutlicher Nachteil.“ 2017 gab es kärntenweit zwölf Drogentote. „Die Zahl klingt vielleicht nicht hoch, aber es sind zu viele Opfer. Außerdem erhebt man keine indirekten Todesursachen, etwa Herzinfarkt als Folge des Drogenkonsums“, sagt der Roots-Leiter. Zu Hotspots in Villach will sich Kattnig nicht äußern: „Leute, die ein Suchtproblem haben, finden immer etwas. Zentrale Plätze wie Bahnhöfe sind immer interessant. Man wird in der Stadt auch Cannabis riechen können, einige sind da recht ungeniert.“

Zu wenig Betten. Ein Problem sieht Kattnig in der derzeitigen Anzahl der Betten für akute Fälle im LKH Villach. „Es gibt aktuell nur zwei Betten, braucht man mehr, werden Betten auch am Gang belegt – ausreichende Kapazität ist seit Jahren nicht vorhanden.“ Dazu Nathalie Trost, KABEG-Sprecherin: „Der Neubau der Psychiatrie wird bis Ende 2020 umgesetzt. Eine Ausweitung auf 96 Betten ist vorgesehen.“ Kattnig: „Es dauert aber einfach noch, bis die Psychiatrie die Kapazität bekommt, die sie braucht. Menschen, die sich nicht an Vereinbarungen halten können, bei Süchtigen häufig, sind in Villach schwer bis nicht behandelbar.“ Ein, laut Kattnig, weiteres Problem ist der Ärztemangel auf der Psychiatrie. Die Ausbildung sei zu sehr reguliert, viele wandern nach dem Studium nach Deutschland oder in die Schweiz aus. Auch das Roots hatte bis Herbst 2017 zu wenig Mitarbeiter. Kattnig: „Jetzt haben wir Positionen dazubekommen und kommen damit gut zurecht. Für ein individuelleres Angebot bräuchten wir aber mehr Ärzte.“

Drogenentzug. Zu den Wartezeiten, bis Klienten einen Entzug machen können, sagt er: „Es kann schon ein paar Monate dauern, bis der ambulante Entzug beginnt. Es gibt aber auch individuelle Umreihungen.“ Natalie Trost, Kabeg, betont: „Grundsätzlich herrscht in Fachkreisen die Meinung, dass wenn Patienten zum Drogenentzug motiviert sind, diese Motivation eine zumutbare Wartezeit lang aufrecht bleiben sollte. Patienten, die es sich in kurzer Zeit wieder anders überlegen, sind meist nicht ausreichend für eine stationäre Therapie motiviert.“ Dazu ähnlich Gesundheitsreferent Stadtrat Christian Pober: „Wie schnell Betroffene einen Entzugs-Platz bekommen, hängt natürlich auch von der Situation und den jeweils konsumierten Drogen ab. Unsere Gesundheitsfachleute kümmern sich um jeden angezeigten und uns bekannten Fall tatsächlich persönlich. Das unterscheidet uns von größeren Städten.“ Die Drogensituation in Villach bestehe aber – wie in jeder vergleichbaren Stadt auch. Pober: „Wir sind ein Verkehrsknotenpunkt, das spielt natürlich auch in dieser Frage eine Rolle.“

Gefahr an der Draulände? Für Diskussionen sorgte im Dezember 2017 ein Überfall auf zwei Zivilbeamte an der Draulände. Stärker kontrolliert wird nicht, wie Martin Haas, Leiter des Kriminalreferats im SPK Villach, erzählt: „Die Draulände wird ohnehin stark kontrolliert. Sowohl von Beamten in Zivil als auch in Uniform. Nach längerer Ermittlungsdauer gibt es in diesem Bereich immer wieder größere Zugriffe, von einem massiven Anstieg des Drogenproblems kann man aber nicht sprechen.“ Als Privatperson müsse man sich nicht fürchten, von Dealern angesprochen zu werden. „Dealer erkennen ihr Kundenklientel. Die Szene hat natürlich kein Interesse daran, in der Öffentlichkeit aufzufallen, die Ware soll möglichst unauffällig verkauft werden. Sollte man angesprochen werden, was höchst unwahrscheinlich ist, und man geht nicht darauf ein, wird einem der Dealer nicht nachrennen. Man muss als Bürger keine Angst haben, sich an der Draulände aufzuhalten.“

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Gerald Kattnig, Roots

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