Leckerbissen für die Fans: Im Vorfeld zum Konzert in der Eventhalle Wolfsberg traf sich LAVANTTALER-Redaktionsleiter Daniel Polsinger zum Interview mit Fred Jaklitsch, dem Kopf von „Die Seer“.

Fred, du hast seit über 20 Jahren Bühnenerfahrung. Gibt es noch Lampenfieber?
Ich bin sogar schon länger unterwegs, weil ich schon mit 20 Jahren das Glück hatte, in einer österreichischen Boygroup unterwegs zu sein und da waren wir eigentlich in der halben Welt unterwegs. Also, zu den 20 Jahren kommen noch weitere 20 dazu. Das Lampenfieber hält sich in Grenzen, aber es gibt eine gesunde Anspannung, weil wir möchten an jedem Abend 100 Prozent abliefern.

Habt ihr schon einmal im Lavanttal gespielt bzw. gibt es eine Verbindung zur Region?
Es gibt die Petra Maier, die mit zwei unserer Lieder bei der ORF-Castingshow „Die große Chance“ angetreten ist und die wir bis ins Finale begleitet haben. Ganz eine liebe, quirlige Person. Außerdem haben wir einmal beim Apfelblüten-Open Air in St. Georgen gespielt. Den Andreas Töfferl von der EAV haben wir auch gekannt, der war ja auch ein Wolfsberger. Außerdem liebe ich die Lyrik von Christine Lavant. Ja, es gibt ein paar Sachen, die wir mit dem „Lovntol“ verbinden.

Ihr habt ja mittlerweile über 20 Alben herausgebracht. Wie schwer fällt es euch, aus so vielen Veröffentlichungen das Programm für so eine Tour zusammenzustellen?
Im Laufe der Jahre kristallisieren sich jene Lieder heraus, die die Leute einfach gerne hören. Da geht es mir wie vielen anderen im Publikum: Wenn ich zum Konzert einer Band gehe, will ich ihre Hits und Klassiker hören. Die Leute sollen ihre „Packung Seer“ kriegen, die sie zufrieden stellen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch ein Dienstleistungsservice, so blöd das jetzt klingt.

Sehr nüchtern ausgedrückt.
Naja, man möchte die Leute ja zufriedenstellen! Der hat ein Ticket gekauft, der soll auch zufrieden heimgehen. Wenn es uns dann auch gelingt, uns als Musiker zufriedenstellen, war es für uns ein gelungener Abend.

Wie oft sehen sich die Seer im Vorfeld zu einer Tour?
Wir proben natürlich gerade am Anfang der Saison und einmal im Jahr machen wir eine CD-Produktion bei mir zuhause im Dachboden. Wir sind eigentlich durchgehend in Kontakt. Teilweise fahren wir sogar gemeinsam in den Urlaub.

Das heißt, ihr habt nicht nur eine Businessverbindung, sondern ein freundschaftliches Verhältnis.
Dieses familiäre Gefühl, das die Seer ausstrahlen, das gibt es auch hinter der Bühne. Wer die Seer ein bisschen besser kennt, der kann das bestätigen. Wir kommen bei einem Konzert nicht aus allen Himmelsrichtungen mit Luxuslimousinen, sondern wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Nur so hält man 20 Jahre durch.

Wie sieht ein typischer Seer-Tourtag aus?
Eigentlich relativ normal, das glaubt man mir ja gar nicht. Ich wache daheim auf, mache mir meinen Kaffee selber, „chille ich“, wie es heutzutage heißt und dann setze ich mich mit meinen Kollegen ins Tourfahrzeug.

In eurer Musik bzw. generell im Schlager und der Volksmusik ist man immer wieder mit dem Heimatbegriff konfrontiert, allerdings habt ihr euch immer gegen die politische Auslegung dieses Begriffes gewehrt.
Ja, der Begriff ist natürlich extrem vorbelastet und meint in diesem Kontext auch etwas ganz anderes als in unserer Musik. Bei uns geht es wirklich um Geborgenheit, Nestwärme, Freundschaft und ein gutes Gefühl mit lieben Leuten. Einfach die positive Energie, die in dem Wort steckt. Alles andere lassen wir an unseren Heimatbegriff nicht ran.

Was ist dein persönlicher Standpunkt, wenn sich Künstler zu tagespolitischen Geschehnissen öffentlich äußern?
Ich sehe mich selbst als Musiker, der sich nicht überall einmischen muss. Wenn man seinen Senf dazugeben muss, dann muss man sich auch ausreichend darüber informieren. Meinungsbildung ist viel Arbeit. Meinung holt man sich nicht aus irgendeinem Facebook-Posting. Meinung muss man sich wirklich erarbeiten. Und wenn man sich das antut und zu jedem tagespolitischen Thema was sagen will, dann hat man eine Menge zu tun. Da bliebe mir zu wenig Zeit für die Musik.

Nach so vielen Jahren im Musikbusiness, wo nimmst du noch diesen „Drive“ her, weiterzumachen?
Das ist eine Art Besessenheit! Ich habe das schon seit meiner Kindheit. Das Liederschreiben hat mich schon immer beschäftigt, denn es ist das schönste Gefühl, einen Menschen mit ein paar Zeilen zu berühren. Es ist anders als bei der Malerei oder anderen Künsten, weil du einfach direkt auf den Menschen zugehen kannst und das bleibt bis zum Schluss faszinierend.

Also, wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dir taugt das Livespielen mehr als die Studioarbeit, oder?
Nein, gar nicht. Das ist wirklich fifty fifty. Dort im Studio im Dachboden zu hocken und auf einmal kommt eine Idee, bei der du denkst: „Ja! Die hat was! Da stimmt mein Bauchgefühl, damit stelle ich mich gerne auf die Bühne.“ Dann ist es perfekt!

Brauchst du eine bestimmte Atmosphäre, um schreiben zu können oder kommt da einfach die Idee aus dem Nichts?
Das kommt von irgendwoher. Wichtig ist, dass man sich nicht hinsetzt und darauf wartest, weil dann wartest du sehr lange. Das Handy hat schon manches erleichtert, weil man damit Ideen sofort festhalten kann. Gerade die Gedanken, die da durch die Luft fliegen, die muss man ganz schnell schnappen, sonst sind sie weg.

Kannst du dich noch an deinen allerersten Auftritt erinnern?
Ja, da gibt es sogar noch Videos davon. Wir waren da wirklich mit dem Mut der Verzweiflung auf der Bühne. Wir waren dort nur geduldet, weil sie gesagt haben: „Diese Narrischen, was wollen die jetzt da?“ Die ersten zwei, drei Jahre waren überhaupt so, dass wir teilweise wenige Publikum gehabt haben, teilweise keine Gage bekommen haben und so weiter. Und das war trotzdem jene Zeit, in der wir uns haben überlegen müssen: Wollen wir das wirklich und ziehen wir das jetzt durch? Am Ende ist es wichtig, dass du dastehst und sagst: „Ja, das ist meine Musik!“

Die Feuertaufe sozusagen.
Absolut! Ich glaube, wenn du über Nacht ganz nach oben gebracht wirst, geht es umso schneller wieder bergab.

Das heißt, du musst die schlechten Zeiten kennen, damit du die Guten zu schätzen weißt.
Unbedingt! Und du musst den Fensterkitt fressen, wie man so schön sagt.

Was für Musik läuft bei dir privat? Gibt es in der CD-Sammlung vielleicht einige Überraschungen?
Überraschung, weil ich wirklich querbeet unterwegs bin. Zur richtigen Zeit Heavy Metal, zur richtigen Zeit Meditationsmusik, zur richtigen Zeit eine echte Voksmusik! Alles, was Emotionen auslöst, was mich in dem Moment begeistert. Da ziehe ich keine Grenzen.

Kauf du CDs?
Ja, natürlich. Bei mir gibt es auch noch Vinylplatten. Es ist doch schade, wenn man Musik nur als Mp3-File konsumiert. Man kann es nicht angreifen, man baut keine Beziehung mehr zum Album auf. Man hört teilweise nur noch einen Song und wenn der eine Song nicht nach einer Minute funktioniert, dann wird er schon verschmissen. Musik wird so zu einem Wegwerfprodukt.

Es fehlt auch das Haptische, das Booklet und so weiter.
Ja, und natürlich, dass man sich auf die Musik einlässt. Ein ganzes Album ist ja doch ein Stimmungsbogen und darauf legen wir bei „Die Seer“ immer Wert, dass wir da wirklich ein Lebensgefühl transportieren.

Du würdest „Die Seer“ also schon eher als „Albumband“ bezeichnen, weniger als „Singleband“?
Würde ich schon sagen, weil wir in dem Sinn keine Singlehits haben. Wir sind in den Singlecharts, aber wir haben zehn Nummer-eins-Hits und siebzehnmal Platin. Das ist eindeutig ein Zeichen dafür, dass die Hörer wirklich dieses ganze Spektrum an Seer-Liedern kaufen mit einem Album. Und das ist einfach schöner, weil wir mehr kommunizieren und mehr an Lebensgefühl rüberbringt als in einem Lied, auf das man dann jahrelang festgenagelt wird.

Was hältst du von Streamingportalen wie Spotify?
Ich stamme aus den 80ern und da war es normal, dass man sich eine Vinylplatte gekauft und so oft abgespielt hat, bis sie vor lauter Rauschen nicht mehr zu brauchen war. Und rein vom Wirtschaftlichen her ist Streaming natürlich der komplette Wahnsinn, weil wenn sogar eine Madonna zig Millionen Streamings braucht, um überhaupt ihr Jausenbrot schmieren zu können, dann ist das natürlich für Nachwuchskünstler schlicht unmöglich, auf einen grünen Zweit zu kommen, wenn er nicht wirklich viel live spielt. Ja, das ist ein krasser Nachteil. Und auch die Wertschätzung des Werks leidet auch darunter.

Die CD-Käufe gehen immer weiter zurück.
Ja, immer weiter, obwohl wir natürlich ein Publikum haben, das noch gerne eine CD aus dem Regal nimmt, die daheim auflegt und auch die Bilder im Booklet gerne anschaut. Weil es ist ja im Prinzip ein ganzes Paket, das man hier bekommt. Das ist einfach ein anderer Zugang als der der neuen Generation.

In einem Artikel habe ich gelesen, dass das Medium CD nur noch von den Genres Volksmusik/Schlager und Metal am Leben gehalten wird.
Ja, gerade im Metal ist ja Vinyl seit Jahrzehnten ein extrem starkes Segment. Ja, wie gesagt, es ist schade, weil durch Streaming und das Fixieren auf eine Nummer auch die Beziehung zum Menschen verloren geht, der hinter der Musik steht.

Nach den 21 Konzerten der aktuellen Tour macht ihr eine kurze Pause im September und Oktober. Dann geht es weiter mit weiteren 21 Konzerten. Welche Bandaktivitäten sind zwischen diesen beiden Blöcken geplant?
Da bringen wir eine nagelneue CD heraus! Das wird dann unser 21. Album. Ja, unser Jahr ist so ausgefüllt, dass wir mit der Unplugged-Tour im November und Dezember noch einmal richtig viel zu tun haben. Wir sind froh, dass wir im 21. Jahr unseres Bestehens immer noch so viel spielen können, dass wir ein tolles Publikum haben und die Leute noch immer zu unseren Konzerten kommen. Ein Glücksfall!

Und wann geht es auf Urlaub?
Ich persönlich brauche fast keinen Urlaub. Das darf ich meiner Frau gar nicht sagen (lacht). Aber mit der Musik habe ich so viel persönliche und kreative Freiheit, dass ich eigentlich gar nicht fortfliegen muss. Außerdem wohne ich in einem landschaftlichen Juwel, dem Auseerland, wo ich Berge und Seen vor der Haustüre habe.

Du musst dich also nicht vom Beruf erholen?
Nein, überhaupt nicht. Aber natürlich tut hie und da ein Tapetenwechsel auch gut. Es schadet nicht, wenn man andere Länder und Leute kennenlernt.

Die letzte Frage: Wenn sich die Seer eines Tages auflösen, wie möchtest du, dass die Band in Erinnerung behalten wird?
Als eine Band, die mit Leib und Seele diese Art von Musik gemacht hat, die echt und authentisch war und für Werte gestanden ist. Als Band, die allgemeingültig war, denn das Heimatgefühl und das Gefühl füreinander da zu sein, ist allgemeingültig und sollte immer gültig sein. Und wenn die Leute mit so einen Gefühl im Kreise von geliebten Menschen unsere Musik hören, dann haben wir echt Spuren hinterlassen.

Beim Interview im Hotel Heche
Tolle Stimmung im Publikum

Die Veranstalter Thomas und Michael Semmler von Semtainment mit ihrer Mutter Brigitte Semmler und LAVANTTALER-Verkaufsleiterin Astrid Stippich

© KRM (4)