„Wenn du heute zur Skiflug-Weltmeisterschaft 2016 am Kulm, also zu dem Ort, an dem sich dein ganzes Leben dramatisch verändert hat, zurückkehren könntest, würdest du wieder springen?“

Stille macht sich breit. Für ein paar Sekunden scheint genau diese Frage den ehemaligen ÖSVAdler Lukas Müller, der routiniert und mit viel Witz die Interview-Fragen beantwortete, aus dem Konzept zu bringen. „Eine interessante Frage, die mir noch nie gestellt wurde und die nicht einfach zu beantworten ist. Trotz der beschissenen Situation damals wie heute haben sich genau wegen meines Unfalls Türen geöffnet, die sich ohne diesen Sturz nie aufgetan hätten, und damit meine ich nicht, dass ich nun mehr denn je im Interesse der Öffentlichkeit stehe. Wenn ich also mit dem Wissen über die Konsequenzen zurückkehren könnte, würde ich mich wahrscheinlich trotzdem wieder auf den Balken setzen und die Schanze hinunterspringen“, erklärt der ehemalige Skispringer bestimmt.

Der Wendepunkt
Vor knapp zwei Jahren veränderten ein paar Sekunden das Leben des jungen Sportlers. Vor tausenden Zuschauern, vor Familie und Freunden knallte der Profisportler mit voller Wucht auf dem harten Untergrund auf. „Der Moment vor dem Aufschlag läuft wie im Film ab. Eine Sekunde fühlt sich wie eine Minute an. Als ich dann zum Liegen kam und ich meine Füße nicht mehr bewegen konnte, war klar, das ist nichts, was in ein paar Monaten wieder in Ordnung ist“, erinnert sich der gebürtige Spittaler zurück. Die Schockdiagnose: Genickbruch – Inkomplette Querschnittlähmung!

Neue Chancen
Viele würden an dieser Diagnose zerbrechen, aber im Fall von Lukas hat das Schicksal die Rechnung ohne ihn gemacht. Es ist wirklich bemerkenswert, wie es der Sportler schafft, etwas so Trauriges in etwas Positives zu verwandeln. „Es könnte viel schlimmer sein. Ich kenne andere mit Genickbruch, denen es wirklich schlecht geht. Jetzt hab ich die Möglichkeit, Menschen darüber aufzuklären, was ein Querschnitt wirklich bedeutet, nämlich weit mehr als das man nicht mehr gehen kann. Natürlich hab auch ich ab und zu schlechte Tage, aber ich mache das Beste draus. Manche Menschen vergessen oft, was sie eigentlich haben, ganz nach dem Motto: Ein gesunder Mensch hat tausend Wünsche, ein Kranker eben nur einen.“ Von der Brust abwärts spürt der 25-Jährige nichts mehr – weder Hitze noch Kälte. Auch das Schwitzen unterhalb der Brust funktioniert nicht mehr, um nur einige Einschränkungen zu nennen. „Nach knapp zwei Jahren denkt man, dass man bereits alles über seinen Querschnitt weiß, aber ich mache immer wieder neue Erfahrungen“, so der junge Mann und erzählt offen weiter: „Ich ertrage es beispielsweise nicht, wenn beim Duschen einzelne Wassertropfen oberhalb meines Beckens aufschlagen oder mich ein Physiotherapeut sanft berührt, das sind unbeschreibliche Schmerzen. Wenn er jedoch schnell und fest zupackt, macht es mir nix aus. Der Vorteil, ich bin weder kitzelig noch tut es mir weh, wenn mich jemand kneift“, scherzt Lukas Müller. Der Alltag stellt den ehemaligen Skispringer immer wieder vor neue Herausforderungen. „Am meisten zipft es mich an, wenn ich mit dem Rollstuhl zwischen einer Tür hängen bleibe“, so der Oberkärntner.

Hartes Training
Der Juniorenweltmeister von 2009 kämpft sich seit seines Unfalls zurück ins Leben. Jeder noch so kleine Fortschritt ist ein Stück Selbstständigkeit. Bereits nach seinem ersten Rehaaufenthalt in Bad Häring im Sommer 2016 konnte er sich den Traum erfüllen und die Klinik auf eigenen Beinen verlassen. Aktuell befindet sich Lukas Müller in einer Tagesrehaklinik in Salzburg. „Wenn man bedenkt, dass der Unfall erst zwei Jahre her ist, geht es mir eigentlich super. Trotzdem bin ich nicht ganz so fit, wie ich es schon mal war. Im vergangenen Frühjahr bei meiner zweiten Reha in Bad Hering konnte ich 50 Meter gehen. Heute ist das leider nicht machbar“, erklärt der 25-Jährige. Eine einfache Angina verbunden mit hohem Fieber im Sommer warf den jungen Mann zurück. Für einen gesunden Menschen kein Problem, aber für einen Körper, der die Funktion des „Schwitzens“ verlernt hat, eine gefährliche Angelegenheit. Doch Aufgeben ist keine Option, im kommenden Frühjahr geht es für Lukas erneut in die Rehaklinik mit dem Ziel, an seine alten Erfolge anzuknüpfen. Vor allem der Rumpf soll gestärkt werden, um weitere Funktionen zurückzugewinnen.
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