„Eine Messe mitten in der Stadt ist ein verschwenderischer Flächenverbrauch“: So lautet nur eine von vielen Feststellungen, die der Wiener Raumplaner und Publizist Reinhard Seiß in einer Ausstellung präsentiert.

Diese Ausstellung ist für alle Menschen, die Klagenfurt lieben, einfach nur schmerzhaft. Die Rede ist von der Ausstellung „Blick von außen – Klagenfurts Stadtentwicklung aus externer Expertensicht“, die noch bis 30. September im Architekturhaus Klagenfurt kostenlos zu sehen ist. Der Wiener Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist Reinhard Seiß hat mehrere Monate die Klagenfurter Stadtentwicklung auf Einladung der Stadt Klagenfurt analysiert, mit Menschen gesprochen und tausende Fotos geschossen: Das Fazit ist ernüchternd und erschreckend: „Wie in fast allen Städten läuft auch in Klagenfurt seit 40 Jahren Vieles falsch, und wir wissen das seit mindestens 20 Jahren, haben aber bisher keine Kurskorrektur hinbekommen“, sagt Seiß.

Starker Tobak
Die Hauptkritikpunkte von Seiß lauten: Klagenfurt ist Europameister bei der Überversorgung mit Einzelhandel und genehmigt trotzdem weitere Geschäftsflächen, Grünraum wird verbaut, anstatt vorhandene Baulandbrachen zu nutzen, die Autoabhängigkeit der Bürger nimmt unvermindert zu, eine Messe mitten in der Stadt ist für Seiß „ein verschwenderischer Flächenverbrauch“, Bauherren errichten billigste „Wegwerfarchitektur“ u.v.m.. Auch am Wohnbau lässt Seiß kein gutes Haar: „Die Qualität in den 80er und 90er Jahren war vielfach besser als heute. Gemeinschaftlicher Freiraum bleibt oft auf der Strecke. Die Kinderspielplätze in vielen neuen Siedlungen sind ein Hohn.“

Stadtentwicklung als Spiegel
Eines seiner Hauptanliegen ist es, die breite Bevölkerung ebenso wachzurütteln wie die Entscheidungsträger. „Politik und Wirtschaft werden von sich aus wenig ändern, solange die Klagenfurter es nicht fordern“, weiß Seiß, der jeden einzelnen Bürger in der Verantwortung sieht: „Viele akzeptieren die Verschandelung des Stadtbilds oder die Zerstörung von Landschaft und Klima. Stadtentwicklung ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft.“ Großen Wert legt Seiß darauf, dass planerische Einschränkungen keine Gängelung oder gar Freiheitsberaubung der Bürger bedeuten: „Es ist kein Menschenrecht, neun Kilometer von Zentrum auf der grünen Wiese zu wohnen oder einzukaufen, dafür zwei bis drei Autos zu brauchen und kostbares Ackerland zu vergeuden. Die Politik muss einschreiten, wenn das Bauen zulasten nachfolgender Generationen geht“, sagt Seiß.

Vision und Realität
Das Thema Nachhaltigkeit vermisst er in der Stadtentwicklung zusehends. „Die vier großen Parteien fordern den Bau der Ostspange, um an der Völkermarkter Straße genau jene Einkaufsagglomeration am Leben zu erhalten, die unter dem von ihr selbst verursachten Verkehr zu ersticken droht“, kritisiert Seiß. In einer seiner Visionen, die er für Klagenfurt verfasst hat, verwirft die Stadt nach einem Volksentscheid die Ostspange und baut stattdessen Österreichs ersten Fahrrad-Highway.

Statement Stadt Klagenfurt
Auf unsere Rückfrage im Bürgermeisterbüro heißt es seitens Maria-Luise Mathiaschitz: „Derzeit gibt es keine Überlegungen den Standort der Messe zu verlegen. Eine Optimierung der Parkplätze auf dem Messegelände ist derzeit in Arbeit.“ Laut der Bürgermeisterin werden „viele Reconstructing-Projekte umgesetzt, jedoch wünschen sich viele Bürger in einem Haus im Grünen zu wohnen.“ Und der Innenstadthandel? „In Klagenfurt gibt es eine Regelung, dass am Stadtrand keine Einkaufszentren mit innenstadtrelevantem Sortiment errichtet werden dürfen. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Einrichtungshäuser am Stadtrand errichtet, eine weitere Vermehrung wird es nicht mehr geben“.

Foto oben: So ausgelastet ist der Messeparkplatz an einem Werktag
Foto: KRM

So ein „Blick von außen“ ist manchmal gar nicht mal so blöd. Gerade wenn es um das Thema Verkehrsüberlastung geht

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Stadtplaner und Publizist Reinhard Seiß: „Klagenfurt zeigt kein Ende des Bodenverbrauchs, kein Ende der Autoabhängigkeit und keine effiziente Umnutzung alter Bauten.“

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