„Wir können erstmals einem Mann der Völkerwanderungszeit in Kärnten ins Gesicht blicken“, sagt Franz Glaser zur Gesichtsrekonstruktion des Skeletts vom Hemmaberg. In Jaunstein werden heuer im Juli neue archäologische Ausgrabungen durchgeführt.

Wer ist der Reiter vom Hemmaberg? „Bei den Ausgrabungen des Kärntner Landesmuseums in den letzten Jahrzehnten am Hemmaberg kam ein frühchristliches Pilgerheiligtum aus dem 5. und 6. Jahrhundert ans Licht, sodass die Entdeckung eines sechsten Gotteshauses unter St. Hemma eine Überraschung darstellte“, erklärt Archäologe Franz Glaser, der seit 40 Jahren in diesem Gebiet forscht und bedeutende Entdeckungen gemacht hat. „Bei dieser Kirche innerhalb der Bergsiedlung wurde während der frühen Frankenzeit Norikums (ca. 536 bis 568) ein privilegierter Kreis von 29 Personen, davon 22 Kinder, aus dem Umfeld des Kirchenstifters begraben. Einer der Toten war mit seinem Kampfmesser am Gürtel, von dem auch zwei Eisenschnallen erhalten geblieben sind, und einer bronzenen Gewandspange in Ringform begraben worden.“

Sensationsfund
Dieses Skelett wurde bei den Ausgrabungen 2013 gefunden und stellte sich nach Untersuchungen in Wien als Sensation heraus: Oberhalb seines linken Knöchels zeigte sich eine Amputation, der Mann trug eine Fußprothese aus Holz mit Eisenring. Archäologin und Anthropologin Michaela Binder vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) stellte die „Reiterfacetten“ am Oberschenkelhals fest. Glaser erläutert: „Man kann sich vorstellen, dass ein Infanterist die Flanke des Pferdes mit einer Hiebwaffe aufschlitzen wollte und dabei den Fuß des Reiters abtrennte.“

Gesichtsrekonstruktion in Liverpool
Seit vergangenem Jahr können das Skelett des Reiters und die Prothesenteile im Archäologischen Pilgermuseum in Globasnitz besichtigt werden. Jetzt wird ein Schaubild angefertigt, das den Reiter zeigt! Der Förderverein „Rudolfinum“ des Landesmuseums Kärnten ließ dafür von Mark A. Roughly in Liverpool (England) eine Rekonstruktion des Gesichts erstellen. „Die Frisur habe ich nach zeitgenössischen Mosaiken aus Ravenna gestalten lassen. Die hellen Augen und der schmale Bart waren laut Sidonius Apollinaris damals bei Franken weit verbreitet“, erklärt Glaser.

Ausgrabungen in Jaunstein 2018
Am Hemmaberg werden heuer keine archäologischen Ausgrabungen durchgeführt. Seit 1. Juli arbeitet aber ein Team des ÖAI der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bei der frühmittelalterlichen Kirche und dem Friedhof in Jaunstein. Franz Glaser hat das Gräberfeld rund um die Kirche, das aus dem 8. bis 14. Jahrhundert stammt, in den Jahren 2008/2009 erstmals archäologisch untersucht. Die diesjährigen Ausgrabungen schließen an die damals freigelegten Bereiche an und erstmals wird auch im Innenraum der Kirche gegraben. Projektleiterin ist Michaela Binder, für die Grabungen im Innenraum verantwortlich ist Helmut Schwaiger. Im Rahmen einer Lehrgrabung sind Studenten des Instituts für Anthropologie und Urgeschichte der Uni Wien beteiligt, erstmals kommen im Zuge eines Austauschprogramms auch vier Studenten der Universität Ankara (Türkei).

Erstmals Grabung in der Kirche
Das Jauntal ist durch viele Fundstellen ein wichtiges Forschungsgebiet für die Spurensuche über das Frühmittelalter, die Zeit des slawischen Fürstentums in Kärnten. Ungeklärt ist vor allem der Übergang zwischen römischer Herrschaft und karantanischem Fürstentum. Vier Wochen sind die Archäologen heuer in Jaunstein. „Nach den Grabungen kommen monatelange Nacharbeiten“, erklärt Binder. „Die Funde werden in Wien wissenschaftlich untersucht und kommen dann ins Museum Globasnitz.“ Besonders vorsichtiges Arbeiten ist in der Kirche gefordert, die Seitenaltäre wurden vor Beginn abgebaut. Die vor 20 Jahren verlegten massiven Ziegelplatten am Boden wurden entfernt. Binder: „Auch Pfarrer Sticker ist sehr interessiert an den Arbeiten in der Kirche. Alles wurde vorab mit ihm und dem Bundesdenkmalamt genau abgesprochen.“ Gemeinde und Bevölkerung zeigen ebenfalls großes Interesse an der Tätigkeit der Archäologen.

Führungen & Vorträge
Unter dem Titel „Auf den Spuren der frühen Slawen in Kärnten“ gibt es ein Begleitprogramm für Besucher: Jeden Freitag im Juli gibt es von 13 bis 15 Uhr Führungen bei den laufenden Grabungen, bei denen man den Archäologen über die Schulter schauen kann und Erklärungen zu den Funden bekommt.
Im Pilgermuseum Globasnitz finden Vorträge statt: 12. Juli, 19 Uhr: Christian Gugl, Institut für Kulturgeschichte der Antike, Österr. Akademie der Wissenschaften: „Neues zur Spätantike in Oberkärnten. Die Höhensiedlung auf dem Burgbichl bei Irschen.“
19. Juli, 19 Uhr: Stefan Eichert, Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Universität Wien: „Vom Grabhügel zum Stiftergrab. Frühmittelalterliche Bestattungen in Karantanien.“
26. Juli, 19 Uhr: Paul Gleirscher, Landesmuseum Kärnten: „Neues zu Karantanien mit Blick auf das Jauntal.“ Der Eintritt ist frei.

Großes Foto oben: Den gesamten Juli über führt das ÖAI Ausgrabungen in Jaunstein durch, Projektleiterin ist Michaela Binder
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Archäologe Franz Glaser mit dem Skelett des Reiters im Museum in Globasnitz, ein Schaubild mit seinem Gesicht kommt jetzt dazu
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Ein 3D-Scan des Schädels wurde von der Untersuchung in Wien nach Liverpool geschickt, hier sind die gesetzten Muskelmarken für die Rekonstruktion zu sehen
© Facelab, Liverpool John Moores University

Mark A. Roughly fertigte diese Gesichtsrekonstruktion des Reiters vom Hemmaberg an. Ermöglicht wurde dies vom Förderverein „Rudolfinum“ des Landesmuseums Kärnten
© Facelab, Liverpool John Moores University

Erstmals wird heuer vom ÖAI auch in der Filialkirche in Jaunstein gegraben, die Leitung hat Helmut Schwaiger
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