Facebook, Instagram, Online-Gaming – gerade bei Kindern und Jugendlichen wirkt sich exzessiver Online-Konsum auf die Entwicklung aus. Wir „verlernen“, wie Beziehungen funktionieren.

Machen wir uns nichts vor: Das Internet und allen voran die sozialen Medien beherrschen schon lange unsere Welt. Sich davon vollkommen loszusagen, ist für viele undenkbar oder unrealistisch. „Vor allem soziale Medien wie Facebook, aber auch das Online-Gaming, sind deshalb für viele so attraktiv, weil sie verspreche, Beziehungsbedürfnisse einfach und schnell befriedigen zu können“, erklärt der Wolfsberger Psychotherapeut Klaus Joham. „Man wünscht sich Anerkennung und Zuwendung, möchte gefallen und gesehen werden.“ Aber Likes und Kommentare sind kein richtiger Ersatz für Face-to-face-Kommunikation, denn reale und virtuelle Beziehungen unterscheiden sich gänzlich voneinander. Ein Beispiel: „Einem Konflikt mit einer anderen Person kann man auf Facebook durch Ignorieren oder Blockieren einfach aus dem Weg gehen, man muss ihn nicht lösen. Heute weiß man: Wer von Kindesbeinen an vor allem diese Form der Kommunikation erlernt, durchläuft eine andere Hirnentwicklung als jemand, der eine Balance zwischen Online- und realen Beziehungen hält“, so Joham.

Bewusst entscheiden
Das heißt nicht, dass Onlinekonsum per se schlecht ist. Der Knackpunkt liegt in der bewussten Entscheidung: Greife ich mit einer Intention zum Smartphone, weil ich etwas Bestimmtes wissen möchte? Oder scrolle ich aus Gewohnheit oder Langeweile durch Facebook? Vor allem Eltern sind gefordert, als gute Vorbilder voranzugehen – und beginnen am besten damit, das eigene Onlineverhalten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Moderne Smartphones erfassen das Onlineverhalten ihrer User und zeigen an, wieviel Zeit man täglich oder wöchentlich mit welchen Apps verbringt. Erscheinen diese zu hoch (Richtwert maximal 2,5 Stunden pro Tag), bietet sich sogar die Möglichkeit, die Zeit bewusst zu reglementieren. „Für Elternteile ist es ratsam, aktive Beziehungszeit von den Kindern einzufordern. Auch Langeweile ist wichtig, weil sich dabei das Gehirn regenieren kann und Platz für neue Vorhaben schafft“, so Joham.

Suchtverhalten
Verbringt der Konsument extrem viel Zeit im Netz (mehr als vier Stunden), vernachlässigt er sein soziales Umfeld und hat Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen, kann man von Onlinesucht sprechen – seit Jänner 2018 eine von der WHO anerkannte Krankheit. Dann ist es ratsam, sich professionelle Hilfe zu holen, denn „Sucht ist immer ein Ausdruck von Not und geht meist mit einer grundlegenden Problematik einher, zum Beispiel der Flucht vor Problemen“, erklärt Joham.

Psychotherapeut Klaus Joham

© Nomad_Soul – stock.adobe.com, © Oberdorfer